Über Philosophie

Die Zahl der Schriften über Philosophie ist legion. Es gibt wohl nichts, das nicht schon über die Philosophie gesagt worden wäre und doch gibt es keine Einigkeit über das mit „Philosophie“ bezeichnete. Dabei ist Philosophie das eigentlich Selbstverständlichste der menschlichen Natur. Wollte ich das Wesen der Philosphie in kurzen Sätzen ausdrücken, sie lauteten: Philosophie ist eine Haltung des Denkens, das vom Ganzen auf das Ganze gerichtet ist; Philosophie ist das Denken des Möglichen.

Wenn ich von einer Haltung des Denkens spreche, dann meine ich damit, dass beim Philsophieren die Geisteshaltung des Philosophierenden von besonderer Bedeutung ist. Ein Denken, das vom Ganzen auf das Ganze gerichtet ist, ist ein Denken, das niemals eine Vereinfachung im Denken zulässt, weil jede Vereinfachung im Denken auf Kosten des Ganzen geschieht: Eine Sache kann aber nur als Ganzes erkannt und verstanden werden. Wer eine Sache nicht im Ganzen erkannt und verstanden hat, der kann niemals wissen, welche Sache Haupt- und welche Sache Nebensache ist. Schon die letzte Aussage zeigt die Problematik des Unterfangens, weil alles zugleich Haupt- und Nebensache sein kann. Der Mensch als einzelnes, lebendes Wesen ist in einer Perspektive ein eigenständiges System, das sich selbst bedingt. Aus einer anderen Perspektive ist der Mensch aber auch nur Teil eines oder mehrerer anderer Systeme. Der ganze Planet auf dem wir leben, ist ein eigenständiges System und ist es doch nicht. Unser gesamtes Sonnensystem ist zugleich ein eigenständiges System und ist es doch nicht. Schon meine ganze Rede ist eine Vereinfachung, die eher Unklarheiten schafft, als das sie für Klarheit sorgt.

Wer eine Sache erkennen will, der muss alle Einflüsse ausschalten können, die durch ihn selbst in den Erkenntnisprozess eingebracht werden. Wer eine Sache verstehen will, der muss alle Bedingungen der jeweiligen Sache identifizieren können ohne auch nur einen Teil der Einfachheit halber aus dem Verständnisprozess auszuschließen. Eine reine Erkenntnis bedingt Selbsterkenntnis, ein reines Verständnis bedingt reine Erkenntnis und Logik. Logik sei hier als eine besondere Sprachordnung verstanden. Diese besondere Sprachordnung kann eine formale sein, oder eine native. Eine formale Sprachordnung hat einen Haken, dass sie letztlich (mindestens zum Erlernen) eine native Sprachordnung bedingt. Greift eine Person zum Erlernern einer Formalen Sprachordnung auf eine native Sprachordnung zurück, die er nicht in herausragender weise beherrscht, dann schleichen sich in seinen Gebrauch der formalen Sprachordnung Fehler ein, derer er selbst nicht mehr einsichtig werden kann. Doch auch die native Sprachordnung hat einen Haken, denn es gibt sie nicht in reinform. Eine native Sprachordnung muss zuallererst entwickelt werden, da einerseits schon im Alltagsgebrauch viele Fremdworte gebraucht werden, andererseits das sogenannte Bildungssystem bis hin zur akademischen Ausbildung immer mehr Fremdworte mit einbringt. Nicht ohne Grund hat sich eine sogenannte Sprachphilosophie entwickelt, die allerdings in aller Regel am Kern des Problems vorbeigeht.

Wer philosophiert, der entwickelt automatisch eine immer nativere Sprachordnung, dennoch ist die Entwicklung einer nativeren Sprachordnung kein Anzeichen für Philosphieren, da diese Entwicklung letztlich nur ein Abfallprodukt ist, das auch auf anderem Wege erzeugt werden kann. Es gibt Menschen, die das Erzeugen einer nativeren Sprachordnung als Haupttätigkeit betreiben. Sie wenden ihre ganze Schaffenskraft dafür auf, dieses Ziel zu erreichen und sie erreichen es vielleicht in exzellenter Weise, doch sie erreichen mit diesem Mühen nichts anderes. Der Philosophierende entwickelt zwar auch eine nativere Sprachordnung, doch bei ihm ist sie nur Nebensache, die native Sprachordnung kostet ihn keine Mühe, weil sie allein als Nebenprodukt seines Philosophierens ab-fällt. Martin Heidegger war ein Meister nativer Sprachentwicklung. Ich bin mir aber noch nicht im Klaren, ob sein Schaffen Ergebnis eines Philosophierens war oder ob er nur all seine Schaffenskraft zur Schaffung einer nativen Sprachordnung aufwendete. In jedem Fall aber ist sein Werk ein gutes Hilfsmittel zum Philosophieren. Und ich möchte mich hier nicht mit seinem Namen schmücken, sondern tatsächlich meine völlige Unwissenheit darüber äußern, ob er ein grandioser Meister war, an den ich niemals heranreichen werde, oder eben nur ein Scharlatan, der quasi sich selbst mit fremden Federn schmückte. Ich kann ganz gut damit leben, hierüber keine Entscheidung zu fällen und ihn mal auf die eine und ein andermal auf andere Weise zu sehen…

Allerdings ist die größte Gefahr für eine wahre, reine und klare Erkenntnis die Fixierung auf Nebensachen. Schon die übermäßige Beschäftigung mit Logik und nativen Sprachen, mit sogenannter Sprachphilosophie überhaupt, führt zur Abwendung vom Wesentlichen: Ein wahres Verständnis kann nur aus einer wahren Erkenntnis entwickelt werden. Erkenntnis->Verständnis->Wissen. Es gibt kein Wissen ohne Verständnis, kein Verständnis ohne Erkenntnis und keine Erkenntnis ohne sogenannte Selbsterkenntnis. Die letzte Aussage deckt ein schwerwiegendes Problem auf, denn Selbsterkenntnis ist zugleich eine Erkenntnis und doch unterscheidet sie sich von dem was mit Erkenntnis eigentlich gemeint ist. Das was in der Selbsterkenntnis eigentlich erkannt wird, ist der Erkenntnis eigentlich nicht zugänglich. Im Grunde ist das, was wir in der sogenannten Selbsterkenntnis erkennen, also die Voraussetzung für alle Wissenschaft, genau das, was die Wissenschaft als Ergebnis überhaupt erst zu erkennen sucht. Das Problem lässt sich allerdings recht einfach auflösen, denn genau genommen ist die sogenannte Selbsterkenntnis, die einzig vollkommen mögliche Erkenntnis, da sie die einzig mögliche, vollkommen reine Erkenntnisform ist. Nichts anderes als uns selbst vermögen wir vollkommen rein zu erkennen. Und nur durch Selbsterkenntnis werden wir in die Lage versetzt, verfälschende Einflüsse, die wir selbst miteinbringen, aufzudecken und so unsere allgemeine Erkenntnisfähigkeit zu verbessern.